Mit den Wellen surfen

Behindert sein – oder behindert werden? Das ist ein Unterschied.

Behindert – so habe ich mich früher nicht gesehen, oder bezeichnet. Ich hatte mir meinen Alltag gut eingerichtet. Studium im Ausland, Journalistin beim Fernsehen oder Sport hoch zu Ross – ein Leben für flinke Fußgänger.

Doch nach der Geburt meiner Kinder musste ich meine eingetretenen Pfade verlassen und mich auf unbekanntes Terrain wagen. Meinen Alltag teile jetzt mit zwei bewegungsfreudigen Kindern. Ich möchte ihren Bedürfnissen gerecht werden und achte darauf, dass sie sich ungehindert entwickeln können. Ich will teilhaben am Erleben meiner Kinder. Spätestens auf dem Abenteuer-Spielplatz, im vollen Supermarkt oder beim Kindergeburtstag im vierten Stock (ohne Fahrstuhl) spürte ich es aber plötzlich ganz deutlich: Ich bin behindert. Diese Klarheit mit und über sich selbst hatte etwas Befreiendes.

Es ist wie es ist

Behindert – manche haben ja eine Scheu vor diesem Begriff und ziehen sich gerne mit Umschreibungen aus der Affäre: „Handicap“, „Einschränkung“ oder „anders begabt“ hört man hier und da. Aber ist das authentisch? Warum nicht einfach die Dinge beim Namen nennen? Ich bin – nein: Ich werde behindert. Diese Sichtweise setzt die Tatsachen ins rechte Licht.

Seine eigenen Grenzen sehen, Hilfe annehmen lernen, sich Hineinfinden in die Gegebenheiten – das sind meine Prüfungen des Alltags. An manchen Tagen bestehe ich gut, an anderen weniger. Die Aufgabe ist es, beweglich zu bleiben (im Kopf) und mit den Kindern neue Wege auszuprobieren. Sie wollen ihre Welt im Sturm erobern: Rennen, klettern, springen, rauf und runter. Und ich muss irgendwie mit.

Es sind also Kreativität und Umdenken gefragt, nicht zuletzt die Unterstützung durch den Partner, die Familie oder durch Freunde. Von wegen „sich einrichten“: Nichts bleibt wie es ist, wenn Kinder da sind und heranwachsen. Man muss mit den Wellen surfen.

Ohne meine Kinder hätte ich mich wahrscheinlich nie wirklich entdeckt. Durch sie wurde ich völlig neu auf mich zurückgeworfen. Ich muss mich meiner Behinderung stellen, denn sie ist ein wesentlicher Teil meiner Identität. Die Kinder wollen schon recht früh wissen, wer da eigentlich vor ihnen steht. Sie stellen Fragen. Und ich antworte: Ja, es ist oft schwer mit der Behinderung. Aber das Leben ist trotzdem schön. Vor allem dann, wenn wir offen und ehrlich mit unseren Kindern sprechen.

Sandra arbeitet als Journalistin. Sie und ihre Familie hat es inzwischen ins Badische verschlagen.